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Hammer und Tanz – wie oft? 18. Okt. 18:38 Aktualisiert Hammer und Tanz – wie oft?
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Die dringlichen Botschaften von Merkel und Kurz sind nachvollziehbar, aber allzu oft lässt sich das Spiel nicht wiederholen. Ganz ähnlich die Dramaturgie, der Tonfall: Mit eindringlichen Worten wandten sich im Tagesabstand Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und ihr österreichischer Amtskollege Sebastian Kurz an die Öffentlichkeit. „Wir müssen jetzt alles tun, damit das Virus sich nicht unkontrolliert ausbreitet“, sagte Merkel. „Wenn wir soziale Kontakte reduzieren, können wir einen zweiten Lockdown in Österreich verhindern“, sprach Kurz. Bei beiden die Botschaft: Es stehen uns harte Monate bevor – da müssen wir jetzt durch; und: Es liegt an jedem Einzelnen von uns, wie es weitergeht. In Österreich werden wir heute von der Regierungsspitze erfahren, was das konkret heißt.  Das Repertoire der in Frage kommenden Maßnahmen ist im Prinzip bekannt, klar ist, die „neue Normalität“ wird wieder ein gutes Stück „neuer“ und damit weniger „normal“ werden. Im März machte das Bild vom „Hammer und Tanz“ die Rede, welches der spanisch-französische Autor Tomás Pueyo in einem Essay vom März dieses Jahres geprägt hat: auf scharfe Restriktionen („Hammer“) folgt ein behutsames, subtil austariertes Wieder-Hochfahren („Tanz“) des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen Lebens. Die Frage ist nur: Wie oft lässt sich diese Nummer wiederholen: schweres Geschütz, orchestriert von düsteren Szenarien und/oder Drohungen gegen Unbotmäßige – und die anschließende Frohbotschaft einer langsamen Lockerung? Gelegentlich ist in der einschlägigen Debatte zu hören, die „Ich will alles, und das sofort“-Generation habe das Warten verlernt, dem digitalen Echtzeit-Menschen sei das Gespür für die Abfolge von Zeiten mit je unterschiedlicher Qualität abhandengekommen, die Bereitschaft zum Verzicht, zur Anstrengung um eines höheren Zieles willen. Da ist viel Richtiges dran. Indes: im konkreten Fall stellt sich die Frage, ob das Ziel („Überwindung der Pandemie“) nicht allzu vage bzw. weit entfernt ist, als dass man so argumentieren könnte. Es geht eben nicht um den letzten Anstieg vor dem Gipfel, sondern eher liegen die Brecht’schen „Mühen der Ebenen“ auf lange Sicht vor uns. Weniger schöngeistig formuliert: Wir müssen wohl „Corona“ schlicht als Teil unserer Lebenswirklichkeit zur Kenntnis nehmen – als eine weitere, oft unangenehme Krankheit und eine zusätzliche mögliche Todesursache neben anderen. Die wir hoffentlich so wie bisher andere Krankheiten auch durch medizinische Fortschritte immer besser in den Griff bekommen werden. Das alles  ist natürlich kein Plädoyer für plumpe Sorglosigkeit, womöglich im Gestus des Widerstandskämpfers. Aber klar ist auch: Die Abfolge von „Hammer und Tanz“ kann nicht die Normalität sein.
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Was den KURIER zum 66er bewegt? Unser Schlachtruf lautet „konstruktiver Journalismus“ – stärkste Waffe ist die Wahrheit Wer heutzutage seinen 66. Geburtstag feiert, hat seinen Weg längst gefunden. Sie/Er ist gelassen, aber noch immer voll Lust auf Neues und steht mitten im Leben – so wie der KURIER. Wir sind innovativ und multimedial. Und auch wenn uns im Twitter-Gewitter dies oder das unterstellt wird: Unser Redaktionsstatut garantiert Unabhängigkeit. Niemand gibt unsere Linie vor, wir ringen gemeinsam und auf Augenhöhe (gelegentlich unterstützt vom Leserbeirat) täglich darum. Die Mediaanalyse hat für die KURIER-Familie in schwierigsten Zeiten solide Stabilität ausgewiesen, während viele Mitbewerber signifikant verloren haben. Abo-Zahlen und Online-Zugriffe steigen. Das bestätigt den eingeschlagenen Weg. Warum man das alles in einem Leitartikel betonen muss? Weil die Mitte, in der wir uns im KURIER gut aufgehoben fühlen, durch Polarisierung zunehmend bedroht ist. Kaum eine andere Berufsgruppe ist aktiver im gegenseitigen Niedermachen als Politiker und Journalisten. Das Ergebnis: Das Image beider Gruppen ist ramponiert und hat links- wie rechtspopulistischen Parteien und Medien-Plattformen den Weg geebnet. Manche Themen haben diese Zuspitzung verschärft: die Flüchtlingswelle 2015, der Präsidentschaftswahlkampf 2016, die blaue Regierungsbeteiligung und jetzt Corona. Mit den besorgniserregend steigenden Zahlen positiver Tests steigt auch das Fieber der öffentlichen Debatte. Der schwedische Weg war im Falle des Virus problematisch, weil er zu viele Tote verursachte. Aber zumindest demokratiepolitisch kann man sich ein Beispiel daran nehmen, wie reibungslos politische Wechsel funktionieren und wie Regierung und Opposition an einem Strang ziehen, wenn es wirklich wichtig ist. Wenn schon ein politischer Schulterschluss bei uns wohl illusionär ist, so sollte doch wenigstens der Aggressionspegel sinken. Es stehen keine wichtigen Wahlen an. Schickt eure Troll-Armeen heim! Der KURIER ist Anhänger des viel zitierten (aber leider wenig praktizierten) „constructive journalism“, sprich: Kritisiere und jammere nicht nur, sondern zeige auch Lösungen auf (siehe unsere Serie „Klimafreitag). Natürlich machen auch wir jeden Tag Fehler, die von aufmerksamen Lesern zu Recht kritisiert werden. Aber wir sind guten Willens, Qualität zu liefern, alle Seiten anzuhören und allen eine Stimme zu geben. Mit 66 fängt das Leben an, hat KURIER-Platin-Romy-Preisträger Udo Jürgens einst gesungen. Wir blicken jedenfalls stolz zurück und mit Optimismus in die Zukunft. „Unsere stärkste Waffe ist die Wahrheit“, hat unser früherer Chefredakteur Hugo Portisch 2019 in einem KURIER-Interview über den Journalismus gesagt. „Schreiben, was ist“, das alte „Spiegel“-Motto, scheint nicht mehr überall in Mode zu sein. Wir im KURIER bemühen uns darum – auch dann, wenn wir uns damit unbeliebt machen.
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