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26. Jul. 5:00

Die Österreich-Festspiele

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Von Krisen zu Höhenflügen, von Antisemitismus zu Aufarbeitung, von Wiederaufbau zu Kapitalismus: ein Spiegel der Republik Der Festspieltag beginnt heute um 11 Uhr mit einer Mozart-Matinee, um 15 Uhr folgt „Der Messias“, um 17 Uhr der „Jedermann“ und um 18 Uhr die Uraufführung von Peter Handkes „Zdeněk Adamec“. So steht es im ursprünglichen – 174 Seiten starken – Programm der Salzburger Festspiele. Die Realität sieht anders aus: Nix findet heute statt in Salzburg, Corona erlaubt nur ein reduziertes Festival, das in sechs Tagen beginnt. Dass das Virus ausgerechnet zum 100-Jahr-Jubiläum tobt, ist besonders bitter für Österreichs wichtigste Festspiele. Aber warum sind sie eigentlich so wichtig, obwohl sie nur von einem Bruchteil der Bevölkerung regelmäßig besucht werden? Warum konkurrieren sie auf der Liste der Identitätsstifter mit dem Wiener Schnitzel, dem Lipizzaner und der Mozartkugel? Weil sie es aus künstlerischen Gründen verdienen. Und weil sie eine Art kulturelles Spiegelbild der österreichischen Geschichte sind, mit nur leichten zeitlichen Parallelverschiebungen, während die meisten anderen Kulturveranstalter entweder innovativ vorauseilen oder museal nachhinken. Die Salzburger Festspiele sind Österreich – in guten wie in schlechten Zeiten. Sie wurden 1920 gegründet, jedoch schon einige Jahre davor konzipiert, durchaus als Antwort auf den Ersten Weltkrieg (dass auch die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 wütete, passt leider zum Jubiläumsjahr). Sie sind also erwachsen aus der Krise, genau wie die neue Republik, und begaben sich gezwungenermaßen auf Identitätssuche. Später dann (gegenüber Festspielgründer Max Reinhardt schon bald) spielte der Antisemitismus eine große Rolle – wie auf politischer Ebene in ganz Österreich. Unter dem Hakenkreuz wurde möglichst lange weitergespielt, wenn auch zuletzt nur mit einem Rumpfprogramm. Nach dem Krieg ging es – wie im Rest des Landes – um Wiederaufbau, um neuen Patriotismus und um Stolz. Bis Herbert von Karajan – mächtig wie Bruno Kreisky auf politischer Ebene, ideologisch allerdings das genaue Gegenteil – zum Salzburger „Sonnenkönig“ wurde. Unter ihm kam es zur kapitalistischen Phase der Festspiele („koste es, was es wolle“), ehe es dann unter Gérard Mortier – adäquat zur Vranitzky-Zeit – auch um Aufarbeitung der Geschichte ging. Seither pendelt man zwischen Elfenbeinturm und Demokratisierungsversuchen, zuletzt übrigens wieder recht erfolgreich. Wie die Festspiele diesbezüglich zur aktuellen politischen Lage passen, wird sich erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand zeigen. Bezüglich Corona fügen sie sich jedenfalls jetzt schon gut ein: strenge Regeln, sanfte Lockerungen, viel Vorfreude und ein bissl Angst. Auf dass alles gut gehe, in Salzburg wie anderswo.
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